Ausgehend vom Schöpfungsbericht in Genesis 1 wird der Johannesprolog betrachtet, der diesen Schöpfungsbericht aufnimmt und auf Jesus Christus bezieht: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott.“ Was ist hier mit Wort gemeint? So wie Jesus sprach auch der Verfasser des Johannes-Evangeliums Aramäisch. Im Aramäischen wird an dieser Stelle für „Wort“ das Wort DAWAR verwendet. Dawar aber bedeutet nicht nur Wort oder wie das griechische logos Wort und Sinn, sondern es hat vier gleichgültige Bedeutungen: Wort-Sinn-Kraft-Tat. DAWAR-Worte sind Worte, die Fleisch werden wollen. Ihnen wohnt Schöpfungskraft inne. So wie im Anfang, als Gott sprach: „Es werde Licht, und es ward Licht.“
Wir sind geschaffen zum Bilde Gottes. Als Seine Kinder hat er uns ausgerüstet und gewürdigt an seiner Schöpferkraft Anteil zu haben. Auch wir können mit unseren Worten Leben schaffen oder Last auf ein Leben legen. Unsere Worte haben Kraft!
Zuallererst aber sind und bleiben wir Angesprochene und darum Empfangende. Auch wir sind durch das Wort, durch die Ansprache anderer Menschen „geschaffen“. Unser Ich wird am Du der anderen. Zentral für unser Person-werden ist die Ansprache bei unserem Namen. Unser Name birgt unsere konzentrierte Biographie. Namen sind die konzentrierteste Form von Dawar-Worten. Sie sind der erste und tiefste Imperativ, der uns zugerufen wird. Werde der, der bei seinem Namen gerufen ist und der nur Du werden kannst. Dich hat Gott gemeint. Wachse in das wunderbare Bild hinein, das er von Dir hat. Gott hat Dich gemeint, denn nur Du kannst genau auf Deine Art etwas vom Glanz seiner Herrlichkeit in die Welt tragen. Du bist sein geliebtes Kind, sein geliebter Sohn, seine geliebte Tochter. Gott kennt Deinen Namen, und er hat andere gute Namen für Dich.
Wir haben gesehen, dass der Mensch eine dialogische Existenz hat. Das Ich wird am Du. Den Menschen als einzelnen gibt es streng genommen gar nicht. Es gibt nur Menschen, also den Menschen mit dem Menschen. Erst der Mitmensch, erst die Gemeinschaft mit anderen macht den Menschen zum Menschen. Wir sind instinktarm, aber gemeinschaftsbedürftig. Ohne Gemeinschaft verkümmert unsere menschliche Existenz.
Wir sind nach Genesis zum Bilde Gottes geschaffen. Wer aber ist Gott? Er hat viele Namen. Vor allem aber ist er der Dreieine. Gott selber also ist von seinem Wesen her Gemeinschaft – hier sind sich drei einig geworden. Wenn wir in sein Bild hineingeprägt sind, dann tragen wir diesen Dreieinigkeits-Code in unseren Genen. Das ist unser Geheimcode als Kinder dieses Gottes. Wir sind bestimmt zum Leben in Gemeinschaft.
Warum aber ist das so schwer? Gott verkörpert die Dreieinigkeit und sein Wesen auf dieser Welt wird sichtbar, wo wir als Gemeinschaft „leuchten“. Das kann der Teufel nicht ertragen. Er hat den Anspruch, der Herr dieser Welt zu sein. Darum ist er voll konzentriert auf ein einziges Werk: Die Ebenbildlichkeit Gottes zu zerstören und verschwinden zu lassen. Sein Ziel ist es darum, Gemeinschaften aller Art, wo immer möglich, zu zerstören. Denn er weiss: Gemeinschaften strahlen etwas vom Wesen und der Liebe Gottes aus. Sie tragen eine Hoffnungsbotschaft in sich. Darum geht er um wie ein brüllender Löwe und versucht, Gemeinschaften unfruchtbar zu machen, Mistrauen und Lüge zu säen.
Gemeinschaften, Gemeinden, jede Ehe ist ein Kampfinstrument Gotttes in einer Welt wachsender Hoffnungslosigkeit. Aber wir müssen in unseren Gemeinschaften nüchtern und wach bleiben (1.Petrus 5,8-9), um unsere Gemeinschaften lebendig zu erhalten.
Mehrmals wird im Neuen Testament für das Wort Gemeinde der griech. Begriff oikos benutzt. Das bedeutet hier: Haus Gottes im Geist. Das ist es, wozu wir gerufen sind: Orte zu bilden, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind. Orte zu bilden, in denen der Geist Gottes wohnen kann.
Johannes trägt den zentralen Auftrag Jesu an uns weiter: „Daran wird die Welt erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“ (Joh. 13,35). Therese von Avila nimmt dieses Wort auf und sagt: „Wir sind ein Brief Gottes, gesendet in die Welt – vielleicht ist das die einzige Botschaft, die heute noch verstanden wird.“ Unser Gemeinschaft-Sein strahlt aus und ist eine Botschaft für diese Welt. Gemeinschaft – unser Umgang miteinander ist das kleine Fenster, sozusagen der Postschlitz, durch den heute etwas vom Wesen Gottes in die Welt getragen werden kann. Versöhnte Beziehungen unter uns bleiben darum die stärkste Hoffnungsbotschaft der Christen in einer Welt wachsender Einsamkeiten. Dietrich Bonhoeffer formuliert ganz provokant: „Der neue Mensch, das ist die Gemeinschaft.“
Tragt die Liebe in die Welt – warum? Wir sind keine Endverbraucher der Liebe Gottes! Gott hat seinen Sohn Jesus Christus für uns gegeben und uns neues Leben geschenkt. Also: Jesus hat uns befreit durch sein Blut… Was ist die Kernstelle des Alten Testaments? Der Exodus – Gott befreit sein Volk aus der Gefangenschaft! Was ist die Kernstelle des Neuen Testaments? Kreuzigung und Auferstehung: Gott befreit den Einzelnen aus seiner Gefangenschaft.
Aufgrund dieser erfahrenen Barmherzigkeit wollen wir diese Botschaft der Befreiung weitergeben. Was ist nötig, um das zu tun? Befrage Dein Herz! Berufungen fallen in den seltensten Fällen vom Himmel und bürden Dir etwas auf, was Dir vor allem schwer fällt.
Nein, Gott hat uns mit Ebenbildlichkeit gewürdigt und mit Freiheit,um uns zu entscheiden. Er beruft uns nicht in die Knechtschaft! Er ruft uns in die Kindschaft – wir gehören in die heilige Familie hinein. Jesus will uns als Mitarbeiter, die nicht blind und gehorsam durch die Welt stiefeln und die Kraft ihres Willens nie entdecken.
Jesus macht das in Lukas 10,16 nicht nur deutlich, sondern zeigt, mit welchem Zuspruch und Vertrauen er uns ausrüsten will. „Wer Euch hört, der hört mich.“ Das ist keine Forderung, das ist keine Ermahnung, sondern eine Feststellung, ein Zuspruch. Gottes Sehnsucht ist es, mit uns ins Gespräch zu kommen. Er sucht uns als Gegenüber. Nicht als Marionetten. Dafür müssen wir ihm sagen, was wir wollen. Nur dann kann es ein zweifachen Band werden: Mein Selbstwollen und Gottes Gottwollen können sich verbinden.
Reif werden bedeutet: In der Lage sein, den eigenen Willen zu artikulieren und bereit sein, ihn um des Ganzen willen loszulassen. Das ist Reife. Bonhoeffer sagt: „Freiheit bedeutet nicht, im Möglichen zu schweben, sondern das Wirkliche tapfer zu ergreifen.“ Meine Berufung leben: das kostet Opfer. Gott will unser Herz füllen, und dazu müssen wir beherzt zur Verfügung stehen.
Was wird heute gebraucht – Gottes Liebe in die Welt tragen – was heissßt das heute? Es gibt 100000000 Wege – nimm die Spur Deines Herzens auf, und mache aus 10000000 Möglichkeiten eine einzige beherzte Wirklichkeit! Gegenwind für unsere Berufung:
Gegenwind, die unser Herz verstopft oder verkrümmt.
Grundsätzlich gibt es zwei große Gefahren: die Verwässerung des Auftrags und die Vergiftung des Auftrags. Bei beidem droht Unfruchtbarkeit. Als Boten unseres Meisters brauchen wir reine Hände – wie er, sonst infizieren wir die anderen. Darum: Nicht ängstigen über alles, was wir falsch gemacht haben könnten, sondern beichten, was uns als Sünde bewusst ist. Aus Möglichkeiten Wirklichkeiten werden lassen! Gott will unser Leben fruchtbar machen. Bleibt in der lebendigen Beziehung mit ihm.