Zunächst war Morgenrot das „Industriehaus“ mit Druckerei und Friseurraum. Später Wohnraum für Lehrer und handwerkliche Mitarbeiter. Im Dachgeschoss befand sich der Schlafsaal für die „Seminaristen.“ Im Morgenrot wurde die erste Bibel in amharischer (abbesinischer Landessprache) gedruckt. Als Hans Anstein von Basel seine grosse Reise durch Afrika machte, besuchte er auch die Chrischonabrüder in Abessinien, heutiges Äthiopien. Er stellte fest, dass dort kein anderer Ort so bekannt und geachtet war wie „Chrischona.“ Da in jeder Bibel in amharischer Sprache der Druckort St. Chrischona abgedruckt war, meinten die Abessinier, Chrischona müsse das bedeutendste „Königreich“ in Europa sein. So verhalf ein Druckvermerk auf dem Titel einer Bibel Chrischona den Weg zur Weltöffentlichkeit.
Es galt, 30 jungen und lebenslustigen Männern während ihres Studiums Wohnraum zu gewähren. Dieser fand sich in einem Saal direkt unter dem Dach des Morgenrots. Damit in dem riesigen Schlafsaal dennoch etwas Privatspäre möglich war, wurden kleine Trennwände zwischen den Betten aufgestellt. Diese konnten jedoch nicht verhindern, dass fast jede Bewegung und jedes Geräusch vom Mitbruder zu hören war. So erzählt ein Absolvent aus dem Jahre 1951: „Im ersten Jahr meiner Ausbildung war ich zeitweise für die Pferde zuständig. Die Tiere mussten morgens sehr früh versorgt werden. So stellte ich meinen Wecker wie gewohnt auf 4.30 Uhr. Doch an einem Morgen schlief ich so tief und fest, dass ich das lange und laute Klingeln des Weckers nicht hörte. Dafür aber waren alle anderen 29 Mitbrüder im Saal hellwach!“
Ein anderer Absolvent (1955) erzählt: „Einen Stock tiefer schliefen im Morgenrot die weiblichen Angestellten. Da es bei uns häufig bis in die Nacht hinein, recht laut zuging, beschwerten sie sich beim damals betagten Dozenten Walter Otth. Der beschloss, für Ruhe unter den Männern zu sorgen. Auch der Bretterboden im grossen Schlafsaal knarrte und quietschte bei jedem Schritt, ein weiteres Ärgernis für die armen Damen. Um sie also fortan nicht mehr zu stören, zeichneten die Brüder schliesslich Fussabdrucke auf den Boden. Sie markierten diejenigen Stellen, bei denen man sicher gehen konnte, dass sie am wenigsten Lärm verursachten. Da waren die Schritte mal grösser, mal kleiner. Der Gang durch den Raum war von Zick-Zack Kurven geprägt!“
„Es gab einen, der kam einfach immer zu spät in den Schlafsaal des Morgenrots. Dem wollten wir einen Denkzettel verpassen. Wir stellen eine Schüssel Wasser in die halb offene Tür. Derjenige, der dann durch die Tür trat, war aber nicht der Zuspätkommer, sondern Dozent Walter Otth, der dann platschnass und triefend vor uns stand. Doch er verstand Spass und lachte lauthals mit uns mit!“ (Walter Otth war Dozent von 1925 – 1969)